Krawall und Remmidemmi

Es gibt Situationen da möchte ich am liebsten aus der Haut fahren. Und dann mache ich das auch.

So grundsätzlich gesehen bin ich ja ein Schaf. Ich möchte einfach nur in friedlicher Ruhe mein Ding machen, ohne dabei anderen auf die Füße zu treten. Kommt zwar trotzdem vor, aber ich bin der Letzte Mensch, der sich nicht sofort entschuldigen würde.

Ich will niemandem etwas Böses. Ich will, dass es allen gut geht und jeder andere genauso sein Ding machen kann, wie ich.

Wenn ich dann aber mal aus der Haut fahre, ist es zwar heftig und der andere sollte besser in Deckung gehen, aber es hat immer einen Grund. Ich gehe niemals grundlos auf meine Mitmenschen los. Sondern nur dann, wenn ich merke, dass etwas Ungerechtes passiert, man mich nicht ausreden lässt (wie ich das hasse!), mit zweierlei Maß gemessen wird oder man mir offensichtlich zu verstehen gibt, ich wäre noch ein Backfisch von 15 Jahren.

Das ist nämlich lange, lange her. Ich würde sagen, aus einer naiven, gutmütigen 15 Jährigen ist eine erwachsene Frau von 34 Jahren geworden. Die zwar immer noch gern an das Gute im Menschen glaubt, aber längst verstanden hat, dass sich das Gute in jedem Menschen auch mal verstecken kann.

Wenn ich eine schwarze Arbeitsplatte für meine Küche haben möchte, brauche ich keine stundenlangen Belehrungen, dass sie weniger pflegeleicht ist. Ist mir selbst völlig klar und trotzdem will ich die schwarze Arbeitsplatte. Nicht, weil ich aus Trotz genau dagegen halten will, sondern weil ich sie einfach schöner finde. So simpel ist das – es geht nur um Ästhetik.

Wenn ich meinem Kind ein Haustier schenken möchte, bin ich durchaus selbst in der Lage, das Für und Wider abzuschätzen und nicht unvernünftig. Man braucht mir nicht sagen, dass das Kind für die Schule genug zu tun hat und ich mich am Ende selbst um das Katzentier kümmern muss. Den Job als Mama mache ich inzwischen zehn Jahre und die Tragweite einer Entscheidung für ein Haustier ist mir durchaus bewusst. Und mal Hand aufs Herz – der größte Kritiker war ich selbst. Und wer ist jetzt der größte Fan des Katzentier? Richtig – ich!

Wenn ich mich für eine Sache einsetze, helfe, alles gebe, selbst verzichte und merke, dass mein Einsatz dankend und selbstverständlich hingenommen wird, mir aber im Gegenzug Hilfe oder Entgegenkommen verwehrt wird, kann es auch dazu kommen, dass ich mal die Fassung verliere. Und in einem solchen Moment ist es mir auch egal, wer unfreiwilliger Zuhörer des Ganzen wird.

Wenn ich mich um etwas kümmere, weil es bis dato sonst noch keiner gemacht hat, man mir dann aber in meine Planung reinreden möchte und mich mit Argumenten ködern möchte, die so offensichtlich an den Haaren herbeigezogen wurden, lasse ich mir das nicht mehr gefallen. Außerdem beleidigt es mich. Ganz ehrlich. Dann bin ich auch mal gern die beleidigte Leberwurst und das mit Recht.

Fast jedes Jahr feiere ich meinen Geburtstag. Jeder meiner Mitmenschen weiß, wie alt ich bin. Und doch ist es für den ein oder anderen schwerer, in mir nicht mehr das Kind zu sehen.

Gut, meine Schusseligkeit ist jetzt kein guter Indikator für meine Seniorität. Aber dennoch, ich komme gut durchs Leben. Ich bekomme alles hin, obwohl ich weniger kopflastig bin und immer mehr auf mein Bauchgefühl achte. Meinen Kindern geht es hervorragend, ich mache meinen Job gut und ich bin immer da, wenn man mich braucht. Dass dafür meine Wäsche ein Chaos ist, mein Schreibtisch unter handschriftlichen Notizen untergeht oder ich mich selbst hintenanstelle, ist mein Problem. Meines allein.

Ich freue mich, wenn ich jünger geschätzt werde und es noch nicht lange her ist, dass ich beim Kauf von Alkohol nach dem Ausweis gefragt wurde. Aber das ist reine Oberflächlichkeit. Darüber hinaus bin ich nämlich ganz gerne keine 18 mehr und mit beiden Beinen mitten im Leben. Klingt zwar lustig, aber es ist schön, sich am Freitagabend nicht mehr überlegen zu müssen, was man anzieht und wo man zuerst hingeht, sondern die Kleiderfrage mit dem Schlafanzug beantwortet und das Bett nach einer anstrengenden Woche eine Offenbarung ist.

Wie auch immer. Sollte ich mal wieder aus der Haut gefahren sein, kann sich jeder sicher sein, dass ich danach noch tagelang darüber nachdenke und reflektiere. Selbstgespräche führe, meine Sätze umformuliere und jedes Wort, dass ich gesagt habe, auf die Waagschale lege.

Und ich würde mir wünschen – nicht nur für mich – dass jeder am Ende des Tages einen kritischen Blick in den Spiegel wirft und kurz reflektiert, ob alles richtig war, ob man sich richtig verhalten hat, ob man das richtige gesagt hat. Es ist absolut in Ordnung, wenn man danach weiterhin mit sich im Reinen ist. Umso besser. Aber man sollte zumindest einen kleinen Moment darüber nachgedacht haben.

Es ist nämlich genauso in Ordnung, das Telefon in die Hand zu nehmen und sich zu entschuldigen. Streit kommt vor, Auseinandersetzungen sind wichtig und Meinungsverschiedenheiten gehören dazu. Es kommt nur drauf an, wie man aus solchen Situationen wieder rauskommt. Und meiner Meinung muss das mit Anstand passieren. Man muss den Anstand haben, sich entschuldigen zu können und die Größe haben, eine Entschuldigung anzunehmen und das Thema abzuhaken.

Mir fällt zwar das Abhaken noch schwer, aber ich arbeite an mir. Jeden Tag!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s