Story Time – Hausfrauen-Blues

Wenn man mich früher gefragt hat, was ich beruflich mal machen will, hat man viele verschiedene Antworten bekommen. Mein pubertierendes, vor Emanzipation strotzendes sechzehnjähriges Ich wollte schon so Einiges machen. Aber egal mit was ich früher mein Geld verdienen wollte, ich wollte immer unabhängig sein. Ich wollte Karriere machen, ich wollte auf eigenen Füßen stehen, ich wollte erst spät Kinder bekommen. Ich habe mich schon ganz businessmäßig durch die Welt reisen sehen. Immer im schicken schwarzen Dress, Laptop-Tasche unterm Arm und großer Sonnenbrille auf der Nase.

Heute bin ich zwar immer noch der Meinung, das Outfit hätte mir unglaublich gutgestanden, aber mit dem ganzen Rest ist es weit gefehlt.

Angefangen damit, dass ich erst Kinder bekommen wollte, wenn ich sie auch Zweifelsfalls alleine durchfüttern könnte bis hin zu meinen Träumen von Geschäftsreisen in alle Welt.

Plötzlich war da dieser Mann – mein Mann – und alle Ambitionen vom alleinbleiben, unabhängig sein und Karriere machen, waren dahin und das inzwischen 21 Jahre alte Ich, wurde langsam erwachsen. Und der Bezug zur Realität war ebenfalls frei von pubertären Schwärmereien.

Ob ich das bereue? Keine Sekunde. Aber ich frage mich schon hin und wieder, was geworden wäre, hätte ich ihn nicht kennengelernt und so früh geheiratet.

Wo wäre ich dann heute? Vielleicht wirklich im Hotelmanagement in irgendeinem romantischen Berghotel oder doch eher in einem Strandresort irgendwo in der Südsee.

Wer weiß, wer weiß!

Statt mich in wichtigen Geschäftsmeetings für irgendwelche Quartalszahlen zu rechtfertigen, diskutiere ich morgens mit meinem zweijährigen Sohn, über den Pullover, den ich schick finde und er nicht anziehen mag.

Statt selbst auf Reisen zu gehen, packe ich freundlicherweise meinem Mann die Koffer für Geschäftsreisen, damit er bis zum letzten Moment arbeiten kann.

Statt abends in hervorragenden Restaurants zu speisen, freue ich mich, wenn ich vor lauter Freizeitstress nicht vergessen habe, Brot fürs Abendessen zu kaufen.

Aber all das ist mein Leben, ein gutes Leben und ich würde es niemals wieder eintauschen wollen. Ich liebe es, Mama und Ehefrau zu sein! Ich bin angekommen.

Aber – und natürlich hat die Sache einen Haken – bleibt irgendetwas auf der Strecke. Ich sage nicht, dass ich etwas verpasse, aber es ist nicht so richtig motivierend, wenn der Gatte Gin-trunken aus Hamburg anruft und dir von seinem erfolgreichen Tag berichtet und du nichts weiter zu erzählen hast, als dass du die Matschflecken aus der neuen Jacke vom Krümelkind nicht herausbekommen hast und dich darüber fürchterlich ärgerst. War ja schließlich die Jacke „für gut“.

Ich wäre beruflich gern wieder mehr gefordert und hätte gern mehr Verantwortung und würde gern Aufgaben übernehmen, die eine gewisse Abwechslung garantieren.

Aber als Mama mit zwei kleinen Kindern, einem selbstständigen Mann und leider noch berufstätigen Großeltern, ist die Wiedereingliederung in den Job nicht ganz leicht. Selbst der Abschluss im Fernstudium rückt in weite Ferne.

So ist es fast unmöglich beruflich wieder voll durchzustarten. Denn, wenn die Kinder krank sind, bleibe ich Zuhause. Auch, wenn die Tagesmutter krank ist, bleibe ich beim Kind und wenn der Mann am Wochenende arbeiten muss und die Kinder nicht zu Oma und Opa können, lasse ich die Vorlesung sausen und verschiebe den Schein womöglich noch einmal um ein Semester nach hinten.

Natürlich ist es auch nicht von der Hand zu weisen, dass so ein unfreiwilliger Tag Zuhause auch seine guten Seiten haben kann. Ich sage nur, Kuschelhose, Schlabberpulli und überraschend Bonuszeit, um endlich einmal den Dachboden aufräumen zu können.

Aber, bei zwei Kindern, die gerne immer abwechselnd kränkeln, reihen sich diese unfreiwilligen Auszeiten manchmal nahtlos aneinander. Dann ist man plötzlich zwei Wochen Zuhause, während im Büro alles normal weitergeht. Klar, kann ich im Homeoffice auch arbeiten. Nur kommen meine Kinder leider im Krankheitsfall sehr nach mir. Sie sind dann sehr wehleidig und brauchen ganz viel Aufmerksamkeit und Nähe. Da ist dann an konzentriertes Arbeiten nicht mehr wirklich zu denken.

Und sind wir mal ehrlich, Homeoffice ist ja ganz nett. Aber das tägliche Miteinander und die persönlichen und direkten Absprachen fehlen. Insbesondere leidet auch der Input vom Tagesgeschäft darunter. Informationen, die man im Normalfall nebenbei aufschnappt, werden nach Tagen der Abwesenheit zur Rennerei, um wieder auf den aktuellen Stand zu kommen.

Auch ist es so nicht immer leicht, ein gleichwertiges Teammitglied unter den Kollegen zu sein oder zu bleiben. Dadurch, dass die Anwesenheit im Büro für die anderen so unberechenbar ist, katapultiert man sich fast automatisch ins Abseits. Die Seniorität der eigenen Person wird ganz schön in Mitleidenschaft gezogen. Was weniger der mangelnden Kompetenz geschuldet ist, als eher der Tatsache,  dass niemand so recht überblicken kann, was man den ganzen Tag lang im Homeoffice so treibt.

Durch die Selbstständigkeit meines Mannes bekommt Vieles eine untergeordnete Bedeutung.

Vom Standpunkt aus, dass diese Selbstständigkeit uns ein so sorgenfreies Leben mit so vielen charmanten Nebensächlichkeiten beschert, wäre es nur unfair von mir, mich darüber zu beschweren.

Aber es kann wirklich frustrierend sein, wenn das Geschäft immer vorgeht und man selbst dadurch weniger Chancen auf beruflichen Erfolg hat.

An schlechten Tagen, an denen man möglichweise seinen gesunden Menschverstand temporär missachtet, führt das nicht selten zu Streitereien. Dann will man sich unverstanden und ungerecht behandelt fühlen. Dann fühlt man sich selbst vom Staubsauger blöd angemacht, weil er am Wohnzimmertisch hängen geblieben ist und ehrlich – ich nehme ihm das furchtbar persönlich.

An so Tagen bin ich unausstehlich. Dann pampe ich die Kinder an, mache meinen Mann für alles Übel meiner kleinen Welt verantwortlich und höre mich so Sachen sagen, wie „alles muss ich immer alleine machen“.

Sobald ich dann aber wieder klar im Kopf bin – leider kann ich es nicht anders ausdrücken – weiß ich, wie unfair mein Verhalten ist. Mein Mann kümmert sich ja schließlich nicht um die kaputte Haustüre, weil er ständig freizeitmäßig unterwegs ist und keine Lust hat. Er kümmert sich nicht um die Türe, weil er sechzehn Stunden am Tag arbeitet und dann keine Lust mehr hat. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Natürlich mache ich fast alles alleine. Und an guten Tagen bin ich sogar absolut fein damit. Dann bin ich regelrecht stolz darauf, dass es so ist und vor allem darauf, dass es meistens auch ganz gut klappt. Wer kann schon von sich behaupten, Expedit-Regale allein durchs Haus zu schleppen oder sonntagnachmittags die Wohnzimmerwand rosa zu streichen.

In den letzten Jahren bin ich in der Hinsicht immer verständnisvoller und auch ruhiger geworden. Es hat sich eine gewisse Akzeptanz eingestellt, die unser Privatleben um einiges harmonischer macht.

Ich habe gelernt, damit umzugehen und allein zu entscheiden. Und ich kann nicht leugnen, dass mir dieser Umstand gefällt. Das ist schließlich auch eine Art von Unabhängigkeit.

Ich fürchte den Tag, an dem mein Mann weniger arbeiten wird und wir uns plötzlich abstimmen müssen, wie wir den Tag, die Woche oder das Wochenende gestalten. Da sehe ich jede Menge Konfliktpotential auf uns zu kommen.

Aber bei alle dem Verständnis für die viele Arbeit und das ständige Alleinsein merke ich trotzdem in letzter Zeit öfters, dass mir die oder besser gesagt, meine berufliche Herausforderung fehlt.

Da ist der Mann, der vor lauter Arbeit kaum weiß wo vorne und hinten ist, der aber dennoch glücklich und vor allem erfolgreich in seinem Beruf ist. Der sich mit seinem Job komplett identifizieren kann und täglich neu gefordert und bestätigt wird. Und man selbst ist irgendwie zur vermeintlichen Bilderbuch-Hausfrau geworden und hat tatsächlich manchmal beim Kochen eine Schürze um. Das sind dann die Momente, in denen ich mich schon frage, wie genau das passieren konnte. Mein pubertierendes, vor Emanzipation strotzendes sechzehnjähriges Ich käme darauf bestimmt gar nicht klar, würde mir mitfühlend die Schulter tätscheln und mir ganz modern dazu raten, meine Base zu chillen.

Ich meistere unseren Alltag schon ganz gut, aber gefordert und bestätigt wird man da eher selten. Da schaut es eher so aus, dass man das Haus frisch geputzt hat und die Kinder mit ihren Schneematsch verdreckten Schuhen nach Hause kommen und konsequent an der Fußmatte vorbei laufen und direkt ins Wohnzimmer stiefeln. Und warum auch immer, der Mann macht es ihnen gerne mal nach.

Da fühlt man sich richtig wertgeschätzt. Aber so was von!

Wie dem auch sein. Ich hoffe ganz fest darauf, dass auch diese Phase bald vorbei ist. Sind ja bekanntlich alles nur Phasen.

Spätestens wenn der Minimann in den Kindergarten geht und der Faktor kranke Tagesmutter schon mal wegfällt.

Und der Gedanke, dass ich noch weit mehr als 30 Jahre arbeiten muss, stimmt mich auch schon wieder versöhnlicher. Wahrscheinlich werde ich in 20 Jahren auf irgendeiner Festplatte diesen Text finden und mein Zukunfts-Ich wird sich zurück in die Zeit meines kleinen Hausfrauen-Blues wünschen.

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