Die, in der wir auf den Hund kamen

…und dann hörte ich mich nur noch sagen, dass wir den Hund nehmen, wenn der Papa sich drum kümmert. In 1000 kalten Wintern hätte ich nicht von mir erwartet, dass mir jemals ein Satz dieser Tragweite über die Lippen gehen würde. Niemals hätte ich einem Hund zugestimmt. Niemals. Und schon gar nicht unter der Prämisse, dass mein Mann sich um das Tier kümmert.

Aber als ich am nächsten Morgen aufwachte, winselte da tatsächlich ein kleiner, bildhübscher Welpe – direkt vor meinem Bett. Dieser kleine Hund verschreckte sogar meinen einsetzenden Kater, der mich eigentlich quälen wollte.

Selbstgemachte, weltbeste Sangria. Sehr lecker und offensichtlich viel zu viel. Da saß ein Hund vor meinem Bett. Was hatten wir getan?

Ich schaute rüber zu meinem Mann, der ebenfalls einen sehr gequälten Gesichtsausdruck hatte und sich demnach dieselbe Frage stellte.

Die Kurzfassung: Wir waren auf Mallorca, auf einer wunderschönen Finca und das Kind der Finca Besitzer kam mit drei Hundewelpen im Schlepptau vom Grundstück neben an. Und von da an entwickelte sich eine Eigendynamik, der ich in meiner Urlaubslaune nicht gewachsen war.

Da nimmt man immer an, man macht nur dummes Zeug unter Alkoholeinfluss, wenn man in der Pubertät steckt. Aber das war weit gefehlt. So einen Aussetzer hatte ich selbst zu meinen schlimmsten Partyzeiten nicht.

Mein Mann und ich lagen also im Bett, der Minimann schlief im Nebenraum und vor uns saß dieser Hund, den wir tatsächlich der Nachbarfinca auch noch abgekauft hatten. Wir waren völlig entsetzt, über das, was wir angestellt hatten.

Ein Hund. Bei unserem Lebenswandel. Die Vorstellung war genauso absurd, wie am Tag zuvor. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass nun ein Hund – live und in Farbe – vor unserem Bett saß. Ein Hund, den sich das Krümelkind seit Jahren so sehnlichst wünscht.

Wir wussten, dass wir aus dieser Nummer nicht unbeschadet herauskommen würden.

Elli – so hatte ich selbst die kleine Hündin getauft – gehörte jetzt uns und am Abend zuvor hatten wir wohl beschlossen, sie mit nach Deutschland zu nehmen.

Ich dachte immer, dass mir ein Hundewelpe nichts anhaben kann. Da ich eh kein Hundefreund bin, war das so klar, so sicher, so manifestiert. Aber so kann man sich täuschen. Es hatte doch funktioniert. Der Welpe saß auf meinem Schoß und ich sagte zu meinem Kind, dass wir ihn mitnehmen. Diese verhängnisvollen Worte sind mir nicht einmal schwergefallen, so teilten es mir jedenfalls später am Tag die anderen Bewohner der Finca mit.

{An dieser Stelle sollte ich mich auch noch einmal bei meinen Freundinnen entschuldigen, die in dieser Nacht sehr viele, übereifrige und aufgeregte Sprachnachrichten erhalten haben. Und bedanken sollte ich mich auch – ihr seid wirklich fair, mir diese Nachrichten nicht ständig wieder vorzuspielen. Sehr anständig von euch…}

Wir lagen noch immer im Bett und grübelten, was wir zur Schadensbegrenzung machen könnten, da pinkelte die kleine Elli vor das Bett und ich bekam einen völlig deplatzierten Lachanfall. Mein Mann nahm kopfschüttelnd den Hund und ging mit ihm raus.

Nach dem ich mich beruhigt hatte, machte ich uns Kaffee und ging ihnen hinterher.

Uns beiden war bewusst, dass wir diese Entscheidung rückgängig machen mussten. Nur zurück konnte der Hund nicht. Nicht zu diesen Tier-Messies von nebenan.

Das muss ich wohl dazu sagen. Elli kam von der Finca aus der Nachbarschaft, die vor Tieren aus allen Nähten platzte. Es gab nicht genug zu fressen, die Tiere kämpften ums Futter und wurden obendrauf noch misshandelt. Die Tatsache kam zum Sangria, dem Welpen-Niedlichkeitsfaktor und den Bitten des Krümelkindes noch hinzu.

Und in dieser Hinsicht war die Aktion dann doch nicht so verteufelt – immerhin hatten wir das arme Tier gerettet.

So saßen wir da, spülten mit Kaffee unsere Ibuprofen-Tabletten gegen die Kopfschmerzen runter und beobachteten die kleine Elli, wie sie alles auskundschaftete. Oh mein Gott – war dieser Hund niedlich!

Als das große Kind aus seinem Zimmer kam, wurde mir fast schlecht. Nein, nicht wegen des Katers und dem Überschuss an Sangria. Die Tatsache, ihr das Herz zu brechen, machte mich fertig. Sie war noch genauso glücklich wie am vergangenen Abend und wollte sofort ins Zoogeschäft und Futter, eine Leine und Spielzeug kaufen. Sogar angezogen und gewaschen war sie schon. Ganz von allein.

Und noch einmal fragte ich mich, was zum Teufel mit mir losgewesen ist. Ich, die sonst kaum Alkohol trinkt und sämtliche Grenzen kennt. Ich, die im Freundeskreis den Stempel „die Vernünftige“ aufgedrückt bekommen hat. Ich, die keine Hunde mag.

Mit Elli begann das Ende unseres Urlaubs. Bis zum Abflug waren es zwar noch drei Tage, aber die verbrachten wir nun damit, den kleinen Hund unterzubringen und das Kind zu trösten. Und ich kann bis heute nicht sagen, was schwieriger gewesen ist.

Ich habe sogar herausgefunden, dass es Menschen gibt, die sich auf ihren Reisen als Tierpaten anbieten und Tiere im Flugzeug begleiten. Was es alles gibt, Wahnsinn! Wie edelmütig, sich so eine Last aufzubürden. Ich meine, Flugreisen können im Allgemeinen schon nervenaufreibend sein. Aber dann noch mit einem Tier im Schlepptau, dass einem nicht mal selbst gehört. Ich habe wirklich großen Respekt vor Menschen, die sich völlig uneigennützig engagieren.

Wir fanden ganz in der Nähe einen Tierarzt, ließen den Welpen untersuchen, impfen und entflohen und konnten glücklicherweise unsere Arbeitskollegin und liebe Freundin in Deutschland davon überzeugen, dass wir den perfekten Hund für sie gefunden haben.

Aber wie bekommt man einen Hund ins Flugzeug, der viel zu jung zum Reisen ist? Der strenggenommen nicht einmal von seiner Mama hätte getrennt werden dürfen.

Die nette Tierarzthelferin erbarmte sich und nahm Elli bei sich auf, bis sie das erlaubte Reisealter hat. Und was soll ich sagen, Elli war so süß, dass sie den Hund im Endeffekt gar nicht mehr hergeben wollte.

Noch ein Herz, was wir in unserer Leichtsinnigkeit gebrochen haben. Der Rattenschwanz wurde immer länger…und immer länger. Denn die kleine Elli legte noch einen Zwischenstopp in Barcelona bei der Schwester unserer Arbeitskollegin ein. So gewöhnten sich noch einmal zwei Kinder an den quirligen Hund und waren maßlos traurig, als Elli dann endlich in ihr neues Zuhause gebracht wurde.

Elli, die kleine Weltenbummlerin kam von Mallorca über Barcelona und Hannover zu uns und ist jetzt unser verrückter Bürohund.

Wenn ich jetzt die Umstände einmal ausblende, warum und wie der Hund nach Deutschland gekommen ist, hätte es nicht besser laufen können.

Elli hat ein tolles Zuhause gefunden, mit Menschen, die sich kümmern und sie lieben. Wäre sie auf Mallorca auf dieser verwahrlosten Finca geblieben, würde sie heute wahrscheinlich nicht mehr leben.

Unser Krümelkind ist zwar nicht restlos glücklich mit dieser Situation, aber dennoch kann sie den Hund sehen und ihn besuchen. Und wenn die beiden aufeinandertreffen, ist es unglaublich schön zu sehen, wie sich die beiden verstehen. Wie glücklich unser Kind ist, wie verantwortungsvoll sie sich kümmert und welches Vertrauen doch noch zwischen den beiden herrscht.

Sie wäre als einzige von uns in Frage gekommen, sich vernünftig um Elli zu kümmern. Und wir hätten sicherlich auch viel von ihr lernen können. Aber das Krümelkind war damals fünf Jahre alt. Ich glaube, da erklären sich unsere Bemühungen den Fehler wieder auszubügeln von selbst.

Ein Haustier ist für tierliebe Kinder bestimmt ein unglaublicher Gewinn und ein toller Weg, sich mit Verantwortung und Fürsorge vertraut zu machen.

Aber als Eltern muss man abwägen, ob man dieses Unterfangen als Familie auch wirklich stemmen kann. Da darf man nicht nach dem Bauchgefühl gehen oder sich breitschlagen lassen. Man darf eine solche Entscheidung nicht leichtsinnig, unüberlegt und impulsiv treffen, so wie wir es getan hatten.

Nicht in jede Familie passt ein Haustier. Nicht jeder hat die Zeit oder die Muse, sich um das neue Familienmitglied zu kümmern. Und das ist auch okay. Das ist auch eine Art von Verantwortung. Lieber ein entschiedenes Nein, als hinterher einen komplett vernachlässigten Hund, einen verdreckten Hasenstall oder ein überfülltes Katzenklo, dem sich niemand annehmen möchte.

Wir haben zum Glück einen guten Kompromiss finden können. Die kleine Elli war gerettet, wir konnten in Gänze herausfinden, dass ein Hund für uns tatsächlich keine Option ist und wir haben wieder eine schöne Geschichte, die sich nahtlos in unsere verrückten und allseits beliebten Urlaubsmomente einreiht.

Abschließend kann man sagen, wir sind prädestiniert für solche Abenteuer. Wenn jemand morgens auf Malle mit einem Hund aufwacht, dann wir.

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