Langzeitstudent – na und?

Ganz oft werde ich gefragt, warum ich mir den Stress mit einem Fernstudium antue. Und jede Frage diesbezüglich trifft mich. Sie verletzt mich und weckt Selbstzweifel. Sie erinnert mich daran, dass ich schon als kleines Kind studieren wollte und jeder sagte, ich würde es nicht schaffen, weil ich die ersten vier Schuljahre so meine Schwierigkeiten mit dem Lernen und der Konzentration hatte.

Ich bin mir sicher, die ersten vier Jahre sind prägend, aber sie sind bestimmt kein Indikator dafür, ob man zum Studium taugt oder nicht.

Ich habe so einiges versucht, um mich beruflich zu orientieren. Und alles, was ich angefangen oder auch wieder aufgehört habe, war wichtig für mich. Viele Wege führen bekanntlich ja nach Rom.

Rückblickend war nicht jeder Schritt logisch, wohl durchdacht und rational entschieden. Ganz oft habe ich mich von Emotionen leiten lassen, die mich jetzt 15 Jahre später zum Kopfschütteln bewegen.

Aber ganz ehrlich, mit 15 oder 16 Jahren Entscheidungen zu treffen, die die Berufswahl betreffen, sind doch aberwitzig. In diesem Alter ist man weder Fisch noch Fleisch. Man weiß nicht einmal, was man morgens in die Schule anziehen soll. Wie soll man dann gewissenhaft entscheiden, ob man eine Lehre oder doch lieber das Abitur anstreben soll?

Meiner Meinung nach müsste man hier viel mehr Aufklärungsarbeit leisten. Familien müssten gemeinsam überlegen, was die richtige Option für das Kind ist. Junge Erwachsene sollten in der Schule viel mehr mit dem Thema Berufswahl konfrontiert werden. Ich denke mir heute so oft, was für ein cooler Beruf oder was für ein interessanter Studiengang. Wenn ich das damals gewusst hätte.

Ja, dieses „Ach, wenn ich das damals schon gewusst hätte“, trifft einen manchmal hart. Nicht nur in Bezug auf Beruf, Studium oder Schule.

Aber genau das ist der Grund, warum ich heute ein Fernstudium absolviere. Weil ich es damals nicht besser wusste, aber jetzt schon. Jetzt verfüge ich über die nötigen Erfahrungen und Erkenntnisse und vielleicht auch die Reife, das Projekt Uni mehr oder auch mal weniger diszipliniert durchzuziehen.

Warum ich nicht studiert habe, als ich noch keine Kinder hatte – eine gute Frage. Ich habe es versucht und ich hatte wahnsinnigen Spaß daran. Aber, wenn man auf sich allein gestellt ist, finanziell auf eigenen Füßen steht uns sich nur mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, stellt das die Qualität des Studiums auch in Frage. Ich habe mich damals nach vier Semestern entschieden wieder in meinen Beruf als Bürokauffrau zu gehen und mein Studium zu einem späteren Zeitpunkt zu beenden. Und genau das mache ich jetzt. Ich bringe das zu Ende, was ich schon immer wollte.

Auch wenn die Umstände immer noch alles andere als optimal sind. Ein Fernstudium mit zwei kleinen Kindern, einem Job, einem Mann, der selbst über jedes normale Maß hinaus beruflich sehr eingespannt ist und einem Gastronomiebetrieb in der Familie, der sich über jede helfende Hand freut. Und ich kleiner Tausendsassa bin überall dabei.

Zuhause bin ich der Strippenzieher und versuche alles zu schaffen, was ansteht. Im Büro bin ich zwar rationalisierbar, aber es ist gut zu wissen, dass man sich wirtschaftlich Zuhause auch miteinbringt. Im Restaurant bin ich, weil ich es gut kann und es eine willkommene Abwechslung ist zu all den anderen Aufgaben.

Aber in Klausurphasen bin ich dann dem Wahnsinn nahe, weil ich merke, dass ich mal wieder zu viele Baustellen habe.

Aber immerhin kann ich mir mein Studium heute zumindest leisten. Und das erleichtert die Tatsache, dass es gegebenenfalls länger dauern kann, ungemein.

Aber ich will nicht jammern und mich auch nicht beschweren. Auf gar keinen Fall. Ich würde mich jederzeit wieder dafür entscheiden. Ich bin trotz des ganzen Stresses glücklich und froh darüber, dass ich den Mut dazu gehabt habe. Ich liege auch mal gern auf dem Sofa, lese, schaue fern oder neuerdings finde ich auch die Spielekonsole ziemlich cool. Aber nur Nichtstun und entspannen, macht mich auf Dauer mürbe.

Ich räume ein, dass ich es mir tatsächlich leichter – sehr viel leichter –  vorgestellt habe, aber ich möchte daran glauben, dass ich es schaffe. Auch, wenn es noch mal so lange dauert. Irgendwann werde ich eine Gartenparty feiern und allen mein Bachelor-Zeugnis unter die Nase reiben und mir „Siehste“ denken!

Bis dahin ist es zwar noch ein weiter und auch steiniger Weg. Ich werde bestimmt noch ein-zweimal denken, dass alles zu viel ist und hilflos um mich schlagen. Aber ich werde mich immer wieder darauf besinnen, wie wichtig mir das alles ist und wie viel Spaß ich beim Lernen habe, wenn ich mich denn dazu aufraffen kann.

Und das gebe ich zu, sich abends noch mal für drei Stunden hinzusetzen und seine grauen Zellen anzustrengen nach dem man tagsüber die Kinder bespaßt, herumgefahren, erzogen, betütelt und vielleicht sogar noch gebadet hat, ist wahnsinnig schwer. Und viel zu oft bin ich zu platt und gehe lieber direkt mit ins Bett, als mir noch einmal die Texte für spezielles Medienrecht durchzulesen.

Aber dieses Adrenalin, wenn ich kurz vor einer Klausur stehe und mit Hochdruck arbeite und tatsächlich bis nachts in die Bücher vertieft literweise Instant-Cappuccion trinke, das hat was Verwegenes. Dann ist es so, als wäre ich noch mal 20 Jahre alt und eine typische Studentin mit Unipartys und Mittagspausen in der Mensa.

Manchmal weiß ich allerdings auch, dass die Klausur nichts wird – da gehe ich mit Sicherheit in den Re-Call. Die Zeit oder die Power hat einfach nicht ausgereicht. Dann ist es zwar niederschmetternd, aber ich weiß ja selbst, woran es gelegen hat und brauche mich nicht zu beschweren!

Aber dieses Gefühl, wenn ich im Online Campus dann das „bestanden“ und die Note lese, ist einfach nur gut und motivierend!

Ich habe zwar einen sehr vielbeschäftigten Mann, der mir leider nicht sehr viel abnehmen kann und den ich dafür manchmal sehr unschön in einen Krach verwickele. Aber dafür unterstützt er mich mental. Er motiviert mich. Er baut mich auf und er glaubt an mich. Auch wenn ich ihm beichte, dass ich die eine Klausur wohl noch ein drittes Mal schreiben muss. Statistik ist aber auch ehrlich fies!

Er spricht mir immer wieder aufs Neue Mut zu und bestärkt mich. Auch dann, wenn ich mal wieder an mir selbst zweifele. Und bei allem Willen und meinem Dickkopf das Studium fertig zu machen, kommen natürlich immer wieder Zweifel auf. Insbesondere dann, wenn der Minimann vor eine Tischplatte läuft, mit einer Gehirnerschütterung zwei Tage ins Krankenhaus muss und ich eigentlich für eine Klausur lernen müsste, die ich nur ein paar Tage später schreiben sollte. Oft passieren so unberechenbare Sachen, die meinen ganzen Lernplan durcheinanderbringen und dann ist es völlig normal, dass ich nicht überlege und meine Kinder und meine Familie Priorität Nummer eins haben.

Das sind dann die Momente, in denen ich schon mal aufgeben möchte. Aber mein Mann erinnert mich jedes Mal daran, dass man nur Briefe aufgibt. Und er hat Recht, Aufgeben ist keine Option für mich. Dann bin ich eben Langzeitstudentin. Das sind andere auch und die haben meist viel weniger um die Ohren als ich.

Auch legt mein toller Mann (muss ja auch mal gesagt werden) ein beispielhaftes Verständnis an den Tag, wenn ich in einer konzentrierten Lernphase stecke. Dann übersieht er das Chaos, ist fein damit, dass der Haushalt stillsteht und die Küche nur dazu dient um die gelieferte Pizza zumindest auf einen Teller zu legen. Er duldet es auch liebevoll, wenn ich tagelang im Messi-Look herumlaufe, den Küchentisch mit meinen Büchern belagere und so tue, als hätte ich die Wörter Makeup und Beine rasieren noch nie gehört.

Ich glaube, dass Modell des Fernstudiums ist eine tolle Gelegenheit für all diejenigen, die sich noch einmal etwas trauen wollen. Die vielleicht auch zu gegebener Zeit noch nicht genau wussten, wohin die Reise führt und vernünftigerweise einen Beruf erlernt haben, der sie zwar ernährt, aber bestimmt nicht bis zum Renteneintritt ausfüllt.

Ich würde jedem dazu raten, der noch einmal von vorne starten möchte.

Ich wünsche mir auch schon lange nicht mehr, dass meine Situation zum Zeitpunkt meines Vollzeitstudiums eine andere gewesen wäre. Alles ist gut, wie es ist. Vielleicht sogar genauso, wie es sein sollte.

Doch wäre es schön, wenn meine Kinder später einmal einen viel besseren Einblick in diese vielen, scheinbar unendlichen Möglichkeiten der Berufswahl und Ausbildung bekommen. Ich habe mir fest vorgenommen, ihnen nichts zu empfehlen oder sie in eine bestimmte Richtung zu schubsen. Mir ist es nur unglaublich wichtig, ihnen beim Suchen und Finden nach dem richtigen Beruf zu helfen. Egal, wie die Hilfe dann einmal aussehen wird, ich möchte Ihnen einfach nur alle Möglichkeiten geben, sich zu informieren und auszuprobieren.

Gut, dass das aber alles noch sehr weit weg ist. Und ich mir darüber noch keine Gedanken machen muss.

4 Gedanken zu “Langzeitstudent – na und?

  1. Mias Anker ⚓️ sagt:

    Ich finde, du meisterst das wunderbar. Schon der Beruf als Mutter ist mehr als überwältigend und alles andere ist auch keine Leichtigkeit.
    Und ich muss dir zustimmen, dass man in jungen Jahren noch überhaupt keine Erfahrung mit dem Berufsleben hat. Ich kenne viele, die erst mitten im Studium oder am Ende erst wissen, was sie eigentlich machen sollen. Oft stürzt man sich in das sichere, weil man es nicht weiß, um im Nachhinein festzustellen, was man eigentlich immer machen wollte. Und eigentlich ist nichts dabei, länger zu studieren. Schade, dass es immer noch für unangenehme Kommentare sorgt!

    Gefällt 1 Person

  2. federzeiten sagt:

    Ich ziehe wirklich meinen imaginären Hut vor dir! Bei dem, wo du alles eingebunden bist, ist das Studieren wirklich noch eine zusätzliche riesen Leistung. Ich finde ohnehin, dass viel zu schnell negative Kommentare dazu kundgegeben werden, wenn man mal nicht den geradlinigen Weg einschlägt.
    Natürlich hat man daran zu knabbern, wenn es nicht läuft, wie geplant, aber am Ende kommt man doch ans Ziel. Und dann fragt sowieso keiner mehr nach dem Weg :).
    Viel Erfolg weiterhin!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s