It´s a Boy – Kleiner Kerl – großer Auftritt

Es wird ein Junge. So war die endgültige Aussage meiner Frauenärztin. Und ich war nach dem ersten Schreck (ja, Schreck) fest davon überzeugt, wenn es jetzt ein Junge ist, dann werde ich bestimmt auch spontan entbinden. Das war einfach so ein Bauchgefühl und es fühlte sich so richtig an.

Unsere Tochter wurde damals mit einem geplanten Kaiserschnitt geholt. Ich hatte mit ihr eine perfekte Schwangerschaft. Ich habe mich nicht verrückt gemacht, ich habe mich so sehr auf mein kleines Mädchen gefreut.

Doch irgendwann stellte sich eine gewisse Panik ein, was die Geburt selbst betrifft. Ich hatte mein eigenes Credo ignoriert und doch etwas im Internet nachgelesen. Und das hatte mich so schockiert, dass es mir am liebsten gewesen wäre, das Krümelkind bleibt besser da, wo es ist. Da ist es sicher und ich muss nicht im Kreissaal auf allen Vieren Wehen veratmen, wenn mein Mann mir dabei zu sieht.

Ich meine, wir schätzen unsere gegenseitige Privatsphäre im Badezimmer, wenn ihr versteht. Gemeinsam Duschen ist Alles und auch das hat in den meisten Fällen einen anderen Grund, als sich die Haare zu waschen…Da konnte ich es mir so gar nicht vorstellen, ihn mit in den Kreissaal zu nehmen.

Ich bilde mir ein, mein Kind hat das gespürt. Es hat sich einfach nicht in die richtige Position drehen wollen und entschied für uns aus seiner Beckenendlage heraus, dass wir einen geplanten Kaiserschnitt haben werden, um uns endlich in die Arme schließen zu können.

Aber auch das fühlte sich richtig an. Ich hatte nicht das Gefühl etwas zu verpassen. Klar, ich habe schon gedacht, dass ich meinem Partner vielleicht etwas vorenthalte. Aber so war es nun mal und unser Mädchen kam mehr oder minder bequem per Kaiserschnitt auf die Welt. So konnten wir uns alle drauf einrichten. Alle beruflichen Termine und Deadlines wurden familiengerecht optimiert und wenn mein Mann nicht verschlafen hätte, wäre es noch perfekter gewesen.

Ich muss heute immer noch lachen, wenn ich daran denke, wie er am Handy meinte, er sei bereits im Auto auf der Autobahn und ich genau wusste, er liegt eigentlich noch im Bett.

Aber zurück zum Minimann. Ich war ehrlich davon überzeugt, ihn spontan zu entbinden. Ich wollte es sogar. Ich hatte es mir fest gewünscht. Ein Junge – unser Sohn – war schon Abenteuer genug, dann machte eine natürliche Entbindung auch nichts mehr. Mal ganz salopp daher gesagt.

Zwar kreisten meine Gedanken immer noch um die Bilder und Berichte, die ich in meiner ersten Schwangerschaft gesehen und gelesen hatte, aber ich fühlte mich stark dafür. Und der Gedanke, dass mein Mann mich in diesem Zustand sieht und den Anblick nicht mehr vergisst, war auch fein für mich.

Ich war älter geworden, reifer und die Beziehung zu meinem Mann war noch einmal um vier Jahre gewachsen. Zum Duschen tolerierten wir immerhin schon, dass wir beide zusammen Zähne putzen.

Ich freute mich auf die Zeit des Ungewissen. Wann es wohl losgehen wird? War das eine richtige Wehe oder Fehlalarm? Nachts ins Krankenhaus düsen, sämtliche Verkehrsregeln missachten – all das machte mir eine riesen Vorfreude. Ich wollte so sehr alle mit der Nachricht überraschen, dass der Junge da ist, dass er gesund ist und dass ich es geschafft habe. Ja, ich wollte unbedingt, dass mein Mann stolz auf mich ist, wenn ich unser Baby nicht in einem sterilen Operationsraum zur Welt bringe.

Aber irgendwie ist der Wunsch einer Spontanentbindung nicht zu meinem Baby durchgedrungen. Auch der kleine Mann drehte sich einfach nicht in die richtige Lage. Dieses Mal hatte ich es sogar mit Akkupunktur versucht, ihn zum Drehen zu überreden. Aber es passierte nichts. Er war stur. Und ich kann mit Nachdruck betonen, er ist es heute noch.

Ich war tief traurig und enttäuscht. Was stimmte denn nicht, dass meine Kinder sich einfach nicht drehen wollten? Die Antwort ist einfach, sie konnten es schlichtweg aus Platzgründen nicht.

Okay, dann eben alles auf Anfang. Wir konnten planen und im Hinblick auf unser großes Mädchen war das ja gar nicht schlecht. Wir konnten ihre Betreuung besser organisieren und Omas und Opas besser mit einbeziehen.

Mein Mann legte all seine beruflichen Termine so, dass er vor unserem großen Tag alles erledigen, abgegeben und delegieren konnte. Was auch schön war, denn so hatte er sich zwei ganze Wochen Urlaub ab dem Tag der Geburt genommen. Und mit der vielen Arbeit im Vorfeld war es auch wahrscheinlich, dass er tatsächlich zwei Wochen am Stück zuhause bleiben konnte.

Er hatte sogar noch Termine außer Haus in Bonn und Berlin und alle scherzten, wie mutig er doch sei, mich so kurz vor dem errechneten Geburtstermin noch alleine zu lassen. Aber wir wussten es ja besser, der Kleine würde geholt werden und wir kennen das Datum genau. Alles war geplant und gut durchdacht.

Dass doch noch etwas dazwischenkommen könnte, ahnten wir nicht, als mein Mann an diesem Mittwochmorgen sehr früh schon ins Auto stieg, um an einer Präsentation in Bonn teilzunehmen.

Ich hatte einen regulären Vorsorgetermin bei meiner Gynäkologin und die stellte bei einem Ultraschall fest, dass das Baby für diese Schwangerschaftswoche doch sehr klein und viel zu leicht ist und überwies mich direkt ins Krankenhaus. Natürlich nicht in das Krankenhaus, in dem ich gerne entbinden wollte…

Ich hatte mich für ein kleines Krankenhaus entschieden. Wohlwissend, dass im Ernstfalls Mutter und Kind getrennt würden, da das Baby in eine Kinderklinik gebracht werden müsste. Aber was sollte mir denn passieren? Welcher Ernstfall sollte denn bei uns eintreten? Dem Minimann und mir ging es ja total gut, also war dieser Gedanke ganz weit weg.

Doch, als ich dann im Krankenhaus am CTG lag und plötzlich allen Grund zur Annahme hatte, dass es meinem Baby nicht gut geht, war nicht mehr alles bestens. Mir liefen die Tränen, meine Mama streichelte mir die Füße und mir gingen alle Horrorszenarien durch den Kopf, wenn unser Sohn tatsächlich krank zur Welt kommen würde.

Und mein Mann saß so weit weg in einem Tagungshotel und hatte noch keine Ahnung von den Ereignissen.

Als ich ihn am Telefon hatte, habe ich allerdings noch versucht ihn zu beruhigen. Habe ihn gebeten, seinen Termin noch zu Ende zu bringen, nur nicht über Nacht zu bleiben, wie es eigentlich geplant war. Ich wollte keine übertriebene Panik verbreiten.

Nach dem dritten Arzt, der dritten Untersuchung und immer derselben Diagnose beschloss man, den Kleinen noch am selben Abend zu holen. Er war auf den Sono-Bildern viel zu klein und zu leicht und somit deutlich unterversorgt.

Gut, dass mein Mann (dieses eine Mal) nicht auf mich gehört hat und sofort nach meinem Anruf ins Auto gestiegen war.

Ich saß schon im OP-Hemd und mit Kompressionsstrümpfen auf dem Bett, als er gehetzt und sichtlich sehr besorgt in den Kreissaal gestürzt kam.

Wir wurden in den OP gebracht, der Kleine wurde geholt und alles war gut. Es war tatsächlich alles in bester Ordnung. Minimann war zwar klein und sehr leicht, aber er war gesund und konnte direkt bei mir bleiben. Er musste nicht runter auf die Kinderintensivstation. Ich konnte ihn stillen und er durfte jetzt in meinen Armen groß und stark werden. Was für ein unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung und des Glücks.

Wenn ich heute an diesen Tag zurückdenke, muss ich bei all den Sorgen, die wir hatten, grinsen.

Ein Freund schrieb damals eine Glückwunsch-Karte mit den Worten: „Mit ner geplanten Sectio noch so ne Spannung reinzubekommen – alle Achtung!“

Alles an diesem Tag war typisch für uns und unser Sohn setzte direkt mit seiner Geburt ein klares Zeichen, dass er definitiv zu uns gehört, dass er genau verstanden hat, wie es bei uns läuft. Chaotisch, verplant und immer ein bisschen außergewöhnlich.

Wir dankten es ihm, in dem wir uns fast eine ganze Woche nicht auf einen Namen einigen konnten. So war er für mich der Minimann und für alle anderen auf der Station war er der männliche Säugling mit dem großen Kopf und den dünnen Beinchen.

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