Chaos im Haus und trotzdem alles in Ordnung

Aufräumen, Ordnung halten und den Kindern ihren Freiraum lassen. Widersprüchlicher könnte eine Aussage nicht sein. Kennt ihr das? Man räumt den halben Tag auf, ist unfassbar stolz, dass die Post vom Küchentisch verschwunden ist und sämtliche Jacken da hängen, wo sie auch hingehören. Die Schuhe stehen im Schuhschrank und die Spülmaschine ist aus- und wieder eingeräumt. Es liegen keine Wäscheberge mehr auf der Badewanne herum und stapeln sich auch nicht vor dem Bett, sondern alles ist schön ordentlich im Schrank sortiert.

Jederzeit könnten die Schwiegermutter, der Notarzt und der Mann nach Hause kommen. Man bräuchte sich nicht schämen und sich auch nicht in lächerlichen Rechtfertigungsversuchen verheddern.

Doch stattdessen ist die Schule aus und der Kleine kommt von der Tagesmutter heim. So schnell kann ich nicht mal bis drei zählen, wie meine zwei Rabauken meine Arbeit von einem halben Tag zu Nichte machen.

Leute! Ich schaue mir täglich viele, viele Bilder bei Instagram an. Mütter posten Fotos von Wohn- und Kinderzimmern. Im ersten Moment bin ich jedes Mal aufs Neue schockiert und frage mich, wie zum Teufel schafft man das? Kinder und ein aufgeräumtes Wohnzimmer? Vom Kinderzimmer will ich erst gar nicht reden.

Im zweiten Moment wird mir klar, da muss es einen Trick geben. Photoshop oder Möbelhaus oder in Wirklichkeit gibt’s da gar keine Kinder.

Seit Wochen will ich ein schönes Foto von unserem frisch renovierten Wohnzimmer machen. Die neuen Möbel, die schönen Bilder oder die kleinen Deko-Details alle einmal festhalten. Aber es ist schier unmöglich! Immer liegt doch irgendwas herum, was meine Fotos nicht vorzeigbar macht. Die Zeitfenster zwischen aufgeräumten Haus und dem Heimkommen meiner Familie sind definitiv zu klein. Manchmal reicht es gerade aus, einen Kaffee in Ruhe auf dem Sofa zu trinken und sich für zwei Minuten am Zustand der Ordnung zu freuen. Wissend, dass die Kinder gleich nach Hause kommen, Schuhe und Jacke da hinschmeißen, wo sie gerade stehen und es sowohl mit der Ruhe, als auch der Ordnung vorbei ist.

Also, ihr Lieben Mamas auf Instagram, Facebook und Co. Ich bewundere euch! Egal, ob ihr es schafft, wirklich den ganzen Tag die Bude in Ordnung zu halten, oder ob es einfach nur der kleine Moment ist, den ihr perfekt festhalten könnt. Ich bin beeindruckt!

Ich scheitere da leider kläglich. Meine Eltern würden beide sagen, dass ich noch nie der ordentlichste Mensch gewesen bin. Doch das stimmt so gar nicht – mit zunehmendem Alter wird mein Ordnungsverständnis immer penibler. Im Gegensatz zu früher fällt mir das Chaos auf. Es fällt mir nicht nur auf, es stört mich regelrecht. Ich hätte am liebsten ein Musterhaus. Alles clean, an Ort und Stelle und immer frische Blümchen in der Vase auf dem Esstisch. Doch das ist mit Kindern nicht zu vereinbaren. Dann müsste ich ja ständig schimpfen und ihnen den Spaß verderben. Ich will ja, dass meine Kinder Höhlen bauen, Puzzleteile auf dem Teppich liegen lassen und sich bei uns Zuhause wohl und geborgen fühlen. Ich glaube, Kinder, die man ständig auf ihr Zimmer verweist, sie anhält nur dort zu spielen und all ihre Sachen aus dem gemeinschaftlichen Wohnzimmer verbannt, können sich schnell unerwünscht fühlen. Kinder ziehen sich irgendwann schon ganz von selbst in ihre eigenen vier Wände zurück und dann ist es uns wahrscheinlich auch wieder nicht recht.

Das ist wohl ein Punkt, warum ein Kinderhaushalt kein perfekter sein kann. Es wird immer irgendwo etwas herumliegen. Eine Socke, ein Schnuller oder ein Duplostein, auf den (ausnahmslos) wir Eltern treten.

Ein anderer Aspekt ist wohl tatsächlich die Zeit zum Aufräumen, die man investieren will oder kann. Mein Mann und ich hatten gestern erst eine liebevolle Diskussion über Ordnung im Allgemeinen, unser Chaos im Besonderen und die vermeintliche Zeit, die ich ja habe, um das Haus in Schuss zu halten. Ich kann sagen, dass ich zwei Stunden danach noch innerlich vor mich hin geschimpft habe. Und auch jetzt frage ich mich, ob er gestern einfach unglaublich mutig oder unfassbar dumm gewesen ist. Vielleicht aber auch nur unwissend. Was wohl am wahrscheinlichsten ist.

Bis gestern dachte ich wirklich, dass meinem Mann völlig klar ist, was ich so den ganzen Tag mache, wenn ich von der Arbeit komme. Aber bei ihm scheint tatsächlich doch nur anzukommen, dass ich Kaffee trinken gehe, durch die Gegend fahre und abends um 20 Uhr mit den Kindern ins Bett gehe.

Ich weiß ehrlich gar nicht, was mich mehr getroffen hat. Dass er glaubt, ich hätte genug Zeit oder dass ich mich so getäuscht habe.

Ich glaube, ein ganz großes Problem bei uns Männern und Frauen oder Müttern und Vätern ist mangelndes Verständnis für den jeweils anderen. Und das nicht einmal mit Vorsatz. Sondern einfach, weil man über solche Sachen nicht ausreichend spricht. Woher soll mein Mann denn wissen, wie stressig der Tag wirklich war, wenn ich stattdessen nur erzähle, dass ich einen Kaffee getrunken habe. Wir Frauen erwarten ja quasi, dass der Mann weiß, was man so den lieben langen Tag gemacht hat. Und das ist ein weiteres Problem. Wir erwarten immer nur, anstatt mal eine klare Aussage zu treffen.

Ich denke ja auch, mein Mann sitzt den ganzen Tag nur am Schreibtisch neben seiner hervorragenden Espressomaschine und der einzige Weg, den er zurücklegen muss, ist der in die Kantine.

Oft weiß man einfach so wenig vom Alltag des Partners, dass man allein von der Vorstellung, was der Partner gerade machen könnte schon schlechte Laune bekommt und den anderen vielleicht sogar ein Stück beneidet.

Wenn ich zum Beispiel mal wieder das Taxischild aufs Auto baue, die Kinder von A nach B fahre, zwischendurch einkaufe, den Rasen mähe, Kinder wieder abhole und in die Badewanne stecke und gleichzeitig Abendessen koche und mein Mann mich dann von seiner Dienstreise aus anruft und mir berichtet, dass er gerade einen tollen Wein und leckere Pasta beim Italiener hatte, bin ich durchaus geneigt, angekekst zu sein.

Während er am nächsten Tag heimkommt und sich und mich berechtigterweise fragt, warum da drei Körbe mit nicht zusammengelegter Wäsche im Wohnzimmer stehen und er sich die ganze Woche über mit anstrengenden Kunden herumgeschlagen hat.

Das Schöne an solchen Diskussionen bei uns ist, dass wir uns so herrlich in unsere eigene Argumentation reinsteigern, bis wir uns richtig in der Wolle haben. Dann verlasse ich meistens wutentbrannt und Türe schmeißend das Zimmer und muss auf der ersten Treppenstufe schon wieder lachen.

Wenn zwei Chaoten, wie wir es beide sind, sich wegen der Ordnung oder Unordnung streiten, ist das zu komisch. Wenn unsere Eltern ein solches Gespräch mitbekommen würden, sie würden Popcorn essend ihren persönlichen Faschingsdienstag feiern. Alle vier!

Außerdem und das ist wirklich meine Meinung, finde ich es wichtiger, Zeit mit den Kindern zu verbringen, als sie ständig vor den Kopf zu stoßen und ihnen zu sagen, Mama hat jetzt keine Zeit, weil der Haushalt gemacht werden muss. Dass er gemacht werden muss, ist keine Frage. Auch, dass die Kinder das lernen müssen, versteht sich von selbst. Aber manchmal muss man eben abwägen, was jetzt wichtiger ist – Spielplatz oder Staub saugen. Gerade, weil wir beruflich sehr eingespannt sind und ohnehin wenig Familienzeit haben. Dann habe ich lieber Chaos im Haus und glückliche Kinder, die ein tolles Picknick auf dem Spielplatz hatten.

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