Teufelskreis: Realität vs. Selbstbewusstsein

Mein halbes Leben bin ich mit meinen Beinen unzufrieden. Sie sind schlichtweg zu kurz geblieben und obendrauf speckig. Sage ich. Mein Mann sagt, ich habe einen Knall und der Rest der Welt würde ihm zu stimmen. Ohne mit der Wimper zu zucken.
Der Umstand, dass ich ein offensichtliches Wahrnehmungsproblem habe, ist mir durchaus bewusst. Aber was soll ich machen? Das eigene Selbstbewusstsein ist so oft ein schlechter Ratgeber. Da hilft auch ein Blick auf die Größenauszeichnung in der Jeans nicht.
Der Blick in den Spiegel und der Vergleich mit anderen – ja sogar mit Freundinnen – fällt grundsätzlich kritisch aus. Außer in einer meiner sehr seltenen Phasen der gesunden Selbstwahrnehmung. Aber dann fällt mir die Waage auf dem Badezimmerboden auf und dann zeigt die mir den Stinkefinger. Und dann frage ich mich, warum? Warum habe ich mich auf diese blöde Waage gestellt, wenn ich mich doch wohl fühle?
Ich spreche da sicherlich vielen aus der Seele. Aber einer Seele ganz bestimmt. Meine liebe Leidensgenossin, die genau die gleiche Macke hat, wie ich! Auch sie ist sich dessen bewusst, aber ändern kann sie es auch nicht.
Was haben wir zwei Freaks schon alles zusammen gemacht, um uns selbst schön zu finden. Vom Diät-Drink über Online-Sportprogramme war alles dabei. Und ich kann sagen, Low-Carb war die aller, aber auch wirklich, die allerschlechteste Idee, die wir hatten. Vor allem, wenn man Nudeln und Kartoffeln so gerne isst, wie ich.
Mit jeweils zwei Kindern auf die Energie der Kohlenhydrate zu verzichten – dumm! Ganz schlechte Idee! Dann freut man sich auf der einen Seite, dass der Oberschenkel-Umfang um zwei Zentimeter geschrumpft ist, hat aber auf der anderen Seite vor lauter Hunger und mangelnder Power nur schlechte Laune. Ist ja klar, der Körper hat ja, realistisch betrachtet, keine Reserven.
Im Prinzip ist es zwar egal. Schlechte Laune habe ich ja in jedem Fall: Entweder weil ich meine Beine zu mopsig finde, oder ich beim Kartoffelauflauf nicht nein sagen konnte.

Inzwischen ist es so, dass wir abwechselnd unter Realitätsverlust leiden. Das ist immerhin schon mal ein Fortschritt. So hat immer eine den Durchblick und kann angemessen reagieren.

Ich glaube allerdings, die Leidtragenden sind unsere Familien. Die Männer zum Beispiel. Sie können das Gemecker nicht mehr hören, sie wollen keine Rühreier mit nur einem Eigelb essen, oder bei veganen, zuckerlosen und geschmacksfreien Pancakes gute Miene zum wirklich bösen Spiel machen müssen.

Wer allerdings noch darunter leidet, sind die Kinder. Unsere Töchter. Was tun wir diesen kleinen Mäusen an, wenn wir Mamas vor dem Siegel stehen und uns über ein, zwei imaginäre Kilo zu viel beschweren? Welche Ideale vermitteln wir den Kindern? Wie können wir den Kindern ein gesundes Selbstwertgefühl vermitteln, wenn wir selbst die Augen vor der Realität verschließen?
Meine Tochter sagte neulich zu mir, dass sie Angst hat, dick zu werden. Mich hat fast der Schlag getroffen. Meine sechsjährige, kleine, zierliche Tochter steht – wie ich – vor dem Spiegel und hat Angst, dick zu werden. Was habe ich getan?
Bisher habe ich noch keine Ahnung, wie ich meinen Dachschaden beheben kann. Ich weiß nur, dass ich meinem Kind ein gutes Vorbild sein will. Sein muss. Meine Tochter soll ein Mädchen werden mit gesundem Selbstbewusstsein. Klar, soll sie sich hinterfragen und reflektieren können. Aber sie darf nicht unter eingebildeten Selbstzweifeln leiden, die sie quälen und unglücklich machen.

Liebe Freundin, solltest du diesen kleinen Text lesen – ich bin dir dankbar für deinen Support und dass du mir so oft den Kopf zu recht rückst. Ich werde es bestimmt auch nicht leid werden, mich zu revanchieren. Aber ey! Lass uns erwachsen werden und zu dem stehen, wie es tatsächlich ist! Alles andere ist bescheuert, unfair und furchtbar dumm!

Mir ist jetzt schon klar, dass die Phase der Erkenntnis nicht lange anhalten wird. Aber jetzt habe ich meine Gedanken in einem sehr klaren Moment sortiert und kann sie bei Bedarf jederzeit nachlesen, um wieder auf den Boden der Realität zu wechseln.
Vielleicht hilft es ja…

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